Teil 2: Das Geheimnis der elf Millionen
Teil 2: Das Geheimnis der elf Millionen
Im Restaurant war es plötzlich so still, dass man das leise Klirren eines Löffels hören konnte.
Richard Falkenberg starrte den älteren Mann an. Seine Lippen bewegten sich, doch zunächst kam kein Wort heraus.
„Das ist unmöglich“, flüsterte er schließlich. „Du bist tot.“
Der Mann trat näher.
„Das hast du dir elf Jahre lang eingeredet. Aber ich stehe vor dir, Richard. Und diesmal wirst du mir nicht entkommen.“
Anna legte die nasse Serviette auf den Tisch. Ihr Gesicht war ruhig, doch in ihren Augen lag eine Entschlossenheit, die Richard noch nie zuvor gesehen hatte.
„Wer ist dieser Mann?“, fragte einer der Gäste.
Der Restaurantdirektor schluckte schwer.
„Das ist Friedrich Möller. Er war einst der Gründer einer der größten Investmentgesellschaften des Landes.“
Richard lachte nervös.
„Dieser Mann ist ein Betrüger! Ich kenne ihn nicht! Und diese Kellnerin spielt offenbar ebenfalls irgendein krankes Spiel.“
Anna zog langsam eine kleine Mappe aus ihrer Tasche.
„Dann dürfte es Ihnen ja nichts ausmachen, wenn wir uns gemeinsam einige Dokumente ansehen.“
Sie legte mehrere Kopien auf den Tisch. Darauf waren Überweisungen, Firmenverträge und Unterschriften zu sehen.
Richard erkannte die Unterlagen sofort.
Vor elf Jahren hatte Friedrich Möller eine Investmentfirma geleitet, die kurz vor einem großen internationalen Geschäft stand. Richard war damals sein engster Geschäftspartner gewesen. Nach außen waren die beiden Freunde. Hinter verschlossenen Türen jedoch hatte Richard begonnen, Geld über mehrere Briefkastenfirmen umzuleiten.
Es ging um elf Millionen Euro.
Als Friedrich den Betrug bemerkte, wollte er die Behörden informieren. Doch bevor er seine Beweise vorlegen konnte, verschwand er nach einem schweren Autounfall spurlos. Sein Wagen war von einer abgelegenen Straße abgekommen und in einen Fluss gestürzt.
Man fand das Fahrzeug.
Aber keine Leiche.
Richard erklärte damals, Friedrich müsse ertrunken sein. Die Ermittlungen verliefen im Sand. Schließlich wurde Friedrich offiziell für tot erklärt.
Richard übernahm die Kontrolle über die Firma und baute sich ein neues Leben auf. Er kaufte ein luxuriöses Haus, wurde zu einem bekannten Geschäftsmann und ließ sich überall als erfolgreicher Selfmade-Millionär feiern.
Doch ein Problem blieb: Einige der verschwundenen Millionen waren nie aufgetaucht.
„Diese Unterlagen beweisen gar nichts“, sagte Richard und schob die Mappe weg.
Anna fing sie auf, bevor sie vom Tisch fiel.
„Vielleicht nicht allein. Aber zusammen mit den Originalverträgen, den Bankdaten und Ihrer eigenen Unterschrift werden sie sehr interessant.“
Richard wandte sich an den Restaurantdirektor.
„Rufen Sie die Polizei! Diese Frau belästigt meine Gäste!“
Der Direktor sah ihn fassungslos an.
„Herr Falkenberg, ich glaube, Sie verstehen nicht, wer hier gerade die Polizei fürchten sollte.“
Anna atmete tief durch.
„Mein Name ist Dr. Anna Möller. Ich bin Friedrich Möllers Tochter. In den vergangenen zwei Jahren habe ich die Spuren verfolgt, die mein Vater hinterlassen hat. Ich habe mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen, alte Konten geprüft und Dokumente gefunden, die jemand unbedingt verschwinden lassen wollte.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Ich habe hier als Kellnerin gearbeitet, weil ich wusste, dass Sie in diesem Restaurant regelmäßig Ihre wichtigsten Geschäftspartner treffen. Ich wollte sehen, wie Sie reagieren, wenn Sie glauben, jemand sei Ihnen völlig unterlegen.“
Richard sah sie voller Hass an.
„Du hast mich absichtlich provoziert.“
„Nein“, antwortete Anna. „Sie haben sich selbst gezeigt. Ich musste Ihnen nur die Gelegenheit dazu geben.“
Friedrich zog einen kleinen USB-Stick aus seiner Manteltasche.
„Darauf befinden sich Kopien der Unterlagen, die ich vor meinem Unfall sichern konnte. Eine weitere Kopie liegt bereits bei meinem Anwalt.“
Zum ersten Mal wich Richard wirklich zurück.
„Du lügst“, murmelte er.
„Dann wird es Ihnen ja leichtfallen, das Gegenteil zu beweisen.“
In diesem Moment öffneten sich die Türen des Restaurants erneut. Zwei Ermittler kamen herein. Anna hatte sie bereits informiert, bevor sie an diesem Abend ihren Dienst antrat.
Sie baten Richard, mit ihnen zu kommen, um einige Fragen zu den alten Finanztransaktionen und dem Unfall von damals zu beantworten.
Richard versuchte, seine gewohnte Überlegenheit zurückzugewinnen.
„Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie es zu tun haben? Meine Anwälte werden dafür sorgen, dass Sie alle Ihre Arbeit verlieren!“
Einer der Ermittler blieb ruhig.
„Das können Sie später mit Ihren Anwälten besprechen. Im Moment möchten wir Ihre Aussage hören.“
Als Richard abgeführt wurde, blickte er noch einmal zu Anna zurück.
„Du glaubst, du hast gewonnen“, zischte er. „Du weißt nicht, was damals wirklich passiert ist.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Was soll das bedeuten?“
Doch Richard sagte nichts mehr.
Eine Stunde später saßen Anna und ihr Vater in einem kleinen Büro. Zum ersten Mal seit Jahren konnten sie offen miteinander sprechen.
Anna hielt Friedrichs Hand.
„Ich dachte so lange, ich hätte dich verloren.“
Friedrich senkte den Blick.
„Es tut mir leid, dass du all diese Jahre ohne Antworten leben musstest.“
Er erzählte ihr, dass er den Unfall überlebt hatte, aber schwer verletzt und zunächst nicht in der Lage gewesen war, Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Als er später versuchte, die Wahrheit aufzudecken, bemerkte er, dass jemand seine Bewegungen beobachtete. Er musste vorsichtig bleiben, bis er genügend Beweise gesammelt hatte.
„Aber warum bist du erst jetzt zurückgekommen?“, fragte Anna.
Friedrich schwieg einen Moment.
Dann zog er einen vergilbten Umschlag aus seiner Tasche.
„Weil ich vor wenigen Wochen diesen Brief erhalten habe.“
Anna öffnete ihn vorsichtig. Darin lag eine Kopie eines alten Dokuments. Am unteren Rand stand der Name einer Person, die sie gut kannte.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
Es war der Name von Markus Weber – dem ehemaligen Finanzdirektor ihres Vaters, der nach dem Unfall plötzlich gekündigt hatte und seitdem als vertrauenswürdiger Berater mehrerer großer Unternehmen galt.
Anna las den letzten Satz des Briefes zweimal:
„Richard Falkenberg war nicht der Einzige, der von Friedrichs Verschwinden profitierte.“
Sie blickte zu ihrem Vater.
„Du glaubst, Markus hatte etwas damit zu tun?“
Friedrich schloss die Augen.
„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass er damals Zugang zu allen Unterlagen hatte. Und dass er als Letzter mit mir gesprochen hat, bevor ich zu dieser Fahrt aufgebrochen bin.“
Anna dachte an Richard, an seine Drohungen und an die Angst in seinen Augen. Vielleicht hatte er nicht nur Angst davor gehabt, seine Millionen zu verlieren. Vielleicht fürchtete er, dass jemand noch viel Schlimmeres ans Licht bringen könnte.
Am nächsten Morgen sollte Anna ihrem Anwalt die neuen Unterlagen übergeben. Doch als sie ihr Büro betrat, lag auf ihrem Schreibtisch ein weißer Umschlag.
Kein Absender.
Nur ein kurzer Satz auf der Vorderseite:
„Wenn du wissen willst, wer deinen Vater wirklich zum Schweigen bringen wollte, triff mich heute um Mitternacht. Komm allein.“
Anna starrte auf die Nachricht.
Unter dem Satz stand eine Unterschrift.
Markus Weber.
Und darunter waren fünf Worte geschrieben, die ihr Blut in den Adern gefrieren ließen:
„Dein Vater sagt dir nicht alles.“

Kommentare
Kommentar veröffentlichen